2021 - Social Long Covid?

Im Jahr 2020 musste unsere jährliche FORUM 2025 Veranstaltung auf Grund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Um so glücklicher waren wir, dass es uns trotz der sich Anfang November abzeichnenen vierten Coronawelle gelang, am 17. November 2021 eine hybride Veranstaltung im Haus der Architekten durchzuführen.

Als wir im Sommer 2021 die Veranstaltung planten, gingen wir davon aus, dass wir im Rahmen des gewählten Themas "Social Long Covid? - Pandemiebewältigung in Jugendhilfe und Schule" geimpft und genesen auf die Pandemie zurückblicken könnten, um in der Veranstaltung Schlüsse und Aussichten auf zukünftiges Handeln in ähnlichen Situationen zum Thema zu machen.

Dies stellte sich als Trugschluss heraus, zum Zeitpunkt der Veranstaltung befanden wir uns mitten in der vierten Welle. Um so wichtiger war es angesichts der aktuellen dramatischen Lage Mitte November die aktuelle Situation der von uns betreuten Kinder, Jugendlichen und Familien mit Vertretern aus Wissenschaft, Kultus- und Sozialministerien, Psychiatrie und Diakonie diskutieren zu können.

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Kurzbericht zu den Referaten

Die Veranstaltung begann mit einem Wort zum Tag der Stiftungsratsvorsitzenden der Stiftung Jugendhilfe aktiv Dekanin Kerstin Vogel-Hinrichs. Sie verdeutlichte nochmals die einschneidenden Folgen der Pandemie auf Kinder, Jugendliche und Familien und wünschte der Veranstaltung ein gutes Gelingen und Gottes Segen.

In seinen einleitenden Worten hieß Ulrich Teufel, Sozialpädagogischer Vorstand der Stiftung Jugenhilfe aktiv, die eingeladenen Referentinnen und Referenten herzlich willkommen und begrüßte die Gäste im Saal des Hauses der Architekten und online an den Computern zur hybriden Veranstaltung.

Den Hauptvortrag hielt Frau Dr. Alexandra Langmeyer. Sie leitet die Fachgruppe "Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern" beim Deutschen Jugendinstitut. Frau Langmeyer stellte den Anwesenden die ihr bislang vorliegenden empirischen Sozialstudien zum Bereich Corona vor und fasste erste Ergebnisse zusammen. Diese machen beispielsweise deutlich, dass bereits Anfang 2021 negative Auswirkungen auf Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung befragter Kinder und Jugendlichern festzustellen sind. Eine PDF der Powerpoint-Präsentation von Frau Dr. Langmeyer mit allen Statistiken finden Sie hier.

Es folgte ein Impulsreferat von Sandra Boser, Staatssekretärin des Kultusministeriums Baden-Württemberg, die die Haltung des Kultusministeriums umriss. Frau Boser verdeutlichte, dass es in den verschiedenen Schulformen, die vom Kultusministerium beaufsichtigt werden, momentan darum geht, die entstandenen Lernlücken bestmöglich und angepasst an die jeweiligen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zu schließen. Hierfür wurde vom Ministerium das Förderprojekt "Lernen mit Rückenwind" aufgesetzt, welches zwischenzeitlich in allen Schulen angelaufen ist. Neben dem Anliegen, die durch die Pandemie entstandenen Lernlücken durch das Programm zu schließen, zielt das Angebot zugleich darauf, Schülerinnen und Schülern in ihren emotionalen und sozialen Fähigkeiten zu stärken und dadurch die pandemiebedingten Belastungen zu verarbeiten.

Nach den Statements des Kultusministeriums konnte der Amtschef des Sozialministeriums Dr. Uwe Lahl per Video zugeschaltet werden. Herr Dr. Lahl beschrieb in seinem kurzen Statement eindrücklich die Bemühungen des Ministeriums, die sich zum Zeitpunkt des Fachtags zuspitzende Corona-Lage im Griff zu behalten. Zugleich stockt das Sozialministerium im November die Förderung der Sozialarbeit deutlich auf.

Die empirischen Befunde des Deutschen Jugendinstituts zu negativen Auswirkungen des Shut-Downs bestätigten die Mitarbeitenden der Stiftung Jugendhilfe aktiv Sabrina Basara und Dr. Daniel Ricci in ihrem Input aus der Praxis. Die beiden Lehrer unserer Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren mit dem Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“, der Albert-Schweitzer-Schule und Dietrich-Bonhoeffer-Schule, verdeutlichten anhand von Kurzfilmen die hohen psychischen Belastungen für Schülerinnen und Schüler, insbesondere in den Zeiten des Lockdowns. In einem kurzen Video berichtenen Jugendliche von ihren vielfach negativen Erfahrungen in der Pandemie und speziell während des Lockdowns. Ein zweiter Film zeigte auf, wie Lehrerinnen und Lehrer der Dietrich-Bonhoeffer-Schule und Albert-Schweitzer-Schule die Resilienz von Schülerinnen und Schülern mittels Sport, Musik und Kunst stärken.

Kurzbericht zum Podiumsgespräch

Es folgte eine Pause, vor der auf einen weiteren Film hingewiesen wurde, der von Lehrerinnen und Mädchen der Mädchenklassen der Albert-Schweitzer und Dietrich-Bonhoeffer-Schule produziert wurde. Die Videoproduktion "Locked in Lockdown" zeigt künstlerische und autobiografische Arbeiten und Stellungnahmen von Schülerinnen in Bezug auf die Herausforderungen der Corona-Zeit.

Nach der Pause folgte ein Podiumsgespräch, zu welchem Ulrich Teufel den Ärztlichen Direktor des Klinikums Stuttgart Prof. Dr. Michael Günter und den Abteilungsleiter "Kinder, Jugend und Familie" des Diakonischen Werkes Württemberg Matthias Reuting sowie Sandra Boser und Dr. Alexandra Langmeyer auf die Bühne bat. 

Michael Günter berichteten in seinem Eingangsstatement, dass es zu früh sei, um empirisch gesichert von "Social Long Covid" zu sprechen. Was er allerdings aus seiner Erfahrung als Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der kinder- und jugendpsychiatrischen Chefärzte Baden-Württembergs sagen könne, sei, dass eine deutliche Anzahl von Heranwachsenden mit psychischen Auffälligkeiten beobachtet werde. Wie weit dies sich in einer Zunahme tatsächlicher psychiatrischer Krankheitsbilder und Therapien niederschlage, könne, Stand November 2021, noch nicht abschließend gesagt werden.

Der Abteilungsleiter "Kinder, Jugend und Familie" des Diakonischen Werktes Württemberg Matthias Reuting betonte in seinem Statement insbesondere die Notwendigkeit, Kinder und Jugendliche in dieser für sie  entwicklungspsychologisch und sozial enorm wichtigen Zeit nicht zu übersehen. Es sei von entscheidender Bedeutung, die schon jetzt sichbaren negativen Auswirkungen von "Social Long Covid" auf die Gruppe der Heranwachsenden zu benennen und diesen aktiv entgegen zu wirken. Stärung von Resilienz und Selbstwirksamkeit seien in diesem Zusammenhang wichtige Stichworte.